Kurze Gedanken zum Thema Wirtschaftsethik (oder: Oh, Amazon …)

Bild von floeschie via Flickr

Um es vorab ganz klar zu sagen: Ich habe keine Informationen darüber, worum es bei dem (offensichtlichen) Streit zwischen Hachette und Amazon geht und/oder wer in diesem Disput Recht oder Unrecht oder die besseren Argumente hat. Deshalb nehme ich dazu auch überhaupt nicht Stellung – und das steht mir auch gar nicht zu. Am Samstag aber erreichte mich über meinen KDP-Account eine Mail, von der ich vorher schon in US-amerikanischen Blogs gelesen hatte, die mich aber dann so direkt nochmal erheblich verstört hat. Weil Amazon aus meiner Sicht hier (mindestens) einen Schritt zu weit geht und weil das gegen mein Verständnis von Professionalität und Souveränität geht. Und wenn ich schon direkt angeschrieben werde, dann antworte ich auch.

Aber der Reihe nach: Zunächst empfehle ich, das Schreiben mal in Ruhe (und am besten auch mehrmals) zu lesen. Amazon hat für die Veröffentlichung nicht nur den Weg der Massen-E-Mail an (offensichtlich) alle seine KDP-Autoren gewählt, sondern auch gleich noch eine URL reserviert: www.readersunited.com.

So, gelesen? Ich versuche mal, meine Gedanken zu sortieren:

Ich fange mal hinten, also unten in der Mail, an: Hab ich das richtig gelesen? Veröffentlicht Amazon hier also die E-Mail-Adresse des Hachette-CEO und fordert mich und seine restlichen KDP-Autoren (die mit dem Streit zwischen Hachette und Amazon ja wohl eher nichts zu tun haben) auf, sein Postfach zuzuspammen? Wow … das ist mal eine neue Qualität der Verhandlungstaktik, und die spricht nicht gerade für die Souveränität des Händlers im Umgang mit dieser Auseinandersetzung.

Davon abgesehen fallen mir besonders zwei Dinge auf:

1. mit welcher Intelligenz, strategischem Blick und Bedacht der Brief formuliert wurde:

Ich kann nicht glauben, dass es Zufall ist, dass gleich in der ersten Zeile an den zweiten Weltkrieg erinnert wird. Man hätte das auch anders schreiben können (in den „30er Jahren“ wäre eine Möglichkeit gewesen zum Beispiel), aber ich bin sicher, man wollte den Leser von Anfang an in eine dramatische Stimmung bringen.

Darüber hinaus geht Amazon ganz sicher, dass der Leser versteht, wer hier gut und wer böse ist. Die URL „readersunited“ ist ein wichtiges Puzzleteil in der Argumentationskette: Amazon steht auf der Seite der Leser, während das „$10 billion media conglomerate“, zu dem Hachette gehört (von den eigenen 81,76 Mrd. US$ Umsatz und dem eigenen Unternehmenswert von rund 140 Mrd. US$ spricht man nicht) das per konsequenter Definition nicht tut.

Und es ist sicher genau so wenig ein Zufall dass mit „history doesn’t repeat itself, but it does rhyme“ ein Zitat von Mark Twain eingestreut wurde. All das soll sagen: Amazon ist ernsthaft besorgt um die „Witwen und Waisen“, der Opfer der Machenschaften der nur im eigenen Interesse und rücksichtslos handelnden Verlage. Es geht Amazon nicht um Profit, es geht um den Fortbestand der Buchkultur – und Gerechtigkeit für Leser und Autoren.

2. dass Amazon in der Analyse des Marktes ganz sicher ganz richtig liegt (und es ist die eigentliche Katastrophe, dass die Branche sich in Streitigkeiten verliert anstatt gemeinsam zeitgemäße Angebote zu entwickeln):

Gemessen an der Preiserwartung der (digitalen) Kunden sind tatsächlich viele eBooks zu teuer. Und auch wir bei readbox sehen eine hohe Preiselastizität – wir werden nicht müde, unsere verlage zu ermutigen, das eBook-Geschäft zu nutzen, um mit Preisen zu experimentieren und so den idealen Preispunkt zu identifizieren (und „ideal“ heißt hier: „den größten Deckungsbeitrag erwirtschaftend“).

Und gerade am Freitag hab ich noch vom veränderten Wettbewerbsumfeld geschrieben. Auch hier liegt Amazon in seinem Schreiben IMHO genau richtig: „They think books only compete against books. But in reality, books compete against mobile games, television, movies, Facebook, blogs, free news sites and more. If we want a healthy reading culture, we have to work hard to be sure books actually are competitive against these other media types.“

Insgesamt finde ich das Vorgehen aber ein bißchen arm – und für den durchschnittlich gebildeten Leser auch wohl recht schnell durchschaubar. Es ist wenig glaubwürdig, wenn in dem Brief mehrfach gefordert wird, Hachette solle die eigenen Autoren nicht zu Opfern des Disputs machen – aber gleichzeitig zugegeben wird, man habe dafür gesorgt, dass weniger Bücher des Verlags verkauft wurden („[…] when we took action to reduce sales of their titles in our store“) – wessen Opfer sind die Hachette-Autoren dann? Auch wird gefordert, die Autoren nicht zu instrumentalisieren – in einem Brief an abertausende von KDP-Autoren und dem Aufruf zur Mobilisierung gegen den Verlag … alles reichlich bigott, finde ich.

Ich weiss nicht, was Amazon dazu bringt, zu solchen Mitteln zu greifen. Wie gesagt, ich weiss auch nicht, worum es in dem Streit wirklich geht. Und vielleicht bin ich auch naiv – aber in meiner Welt gibt es keine Rechtfertigung für solche Kampagnen. Fairness und Moral sollten Bestandteil der Unternehmensführung und des Wertesystems sein. Eine Welt, in der Business wie Krieg geführt wird – in mein Wertesystem passt das jedenfalls nicht.

Nach der Lektüre der E-Mail musste ich das mal loswerden.

Kurze Gedanken zum Thema Wirtschaftsethik (oder: Oh, Amazon …)

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